„In Deutschland kein KZ gesehen? “ Stadtführungen vermitteln Zeitgeschichte

Autor: Claudio Cassetti, 2008

Eine reduzierte Fassung wurde in Spurensuche, Zeitschrift der Erwachsenenbildung und Wissenschaftspopularisierung, 18. Jg., Heft 1-4, 2009 veröffentlicht.

1. EINLEITUNG
Seit circa 8 Jahren begleite ich als Stadtführer vor allem italienische Touristen jeglicher Art (Manager, Schüler, Bildungsbürger, Menschen mit sehr geringer schulischer Bildung…) durch Berlin. Das Thema der Erinnerung an die Opfer (aber auch an die Täter) der NS-Diktatur nimmt einen großen Platz in diesen Führungen ein, sowohl wegen der besonderen Rolle Berlins in der NS-Zeit (aber auch in der Zeit des Kalten Krieges) als auch wegen der starken Erwartungen und Nachfragen der Touristen. In diesem Aufsatz werden zuerst die Haltung und die Erwartungen der Touristen bei den Führungen und damit auch Elemente ihres allgemeinen Gefühl- und Gedankengutes gegenüber der NS-Zeit beschrieben, die ich im Arbeitsalltag erlebe. Dann werden Erfahrungen von möglichen Antworten eines Stadtführers im Rahmen des besonderen pädagogischen Kontextes der Stadtführung beschrieben. Damit werden auch Empfehlungen für den pädagogischen Umgang mit diesen Themen formuliert, die auch in anderen Kontexten hilfreich sein können.

mehr zu lesen unter: artikel spuren

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Quellen zur politischen Bildung

Quellen zur politischen Bildung, Geschichte und Pädagogie
des 20en Jahrhunderts und der Gegenwart,
selbstverständlich eine kleine Auswahl

http://www.bpb.de
Bundeszentrale für politische Bildung.
Legitimierte Quelle für Materialien jeglicher Art, die online nachschlagbar sind oder auch fast unentgeltlich bekommen werden können. Gute Überblicke für den letzten Stand der Diskussion zu den verschiedenen Themen stellen die Themenausgaben (Beilagen) der Tageszeitung Das Parlament) dar, die als downlod zur Verfügung stehen. Auch Grund- und Überblickwissen über historische und politische Themen können auf der Webseite gefunden werden.

über deutsche Geschichte ab 1871
http://www.dhm.de/lemo/home.html
Ein erster Nachschlagwerk für Informationen aller Art

Über Israel und Judentum
http://www.hagalil.com
(Newsletter aus einer deutschen internet-Seite
über Information und Bildung über Israel und Judentum,
des Vereins haligalil e.v. in München);

Über Holocaust, Dritten Reich und Zweiten Weltkrieg
http://www.shoa.de
nach eigenen Angaben das größte deutschsprachige Informationsportal
zu Holocaust, Drittem Reich und Zweitem Weltkrieg,
interessant für historische Recherchen und für den letzen Stand
der Diskussion, leider ohne newsletter;

Über historisch-politische Bildung (Material, Methodendebatte)
http://lernen-aus-der-geschichte.de
Bildungsportal für “Lehrerinnen und Lehrer, außerschulische Multiplikatorinnen und Multiplikatoren der historisch-politischen Bildung sowie alle, die sich für die Gestaltung zeitgemäßen Lernens über die Geschichte des 20. Jahrhunderts interessieren”. Sehr interessante monothematische Online-Magazin

Über die Herausforderungen der Zukunft
http://www.futurzwei.org/#index
Stiftung Zukunftfähigkeit
von Harald Welzer

Claudio Cassetti

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konsens und dissens in ns-zeit

Diese Fragen wurden 2013 von italienisch- sprechenden Guides
unter der BesucherInnen in Berlin gesammelt.
Achtung: diese Fragen wurde normalerweise nicht “gefiltert”!!!
Sie geben möglichst den Wortlaut der Fragen der BesucherInnen.

Nachdem die Fragen gesammelt wurden, haben einige Guides versucht,
Antworten zu formulieren und wissenschaftliche Quellen anzugeben,
die Hilfestellungen für die Antworte liefern.

Einen Link mit einigen möglichen Antworten
findest du am Ende der Fragenliste.

Über  Konsens und Dissens in der NS-Zeit (Schuldfrage?)

Wie hoch war die Zustimmung zu Hitler?
Warum wurde Hitler vom deutschen Volk so unterstützt?
Wurde Hitler von der Mehrheit der Deutschen unterstützt? Warum

2  ”Warum haben die Deutschen mit den Nazis kollaboriert,
bzw. so viele Juden denunziert, ohne Mitleid für ihr Schicksal zu zeigen?
War die Mehrheit der Deutschen mit der Verfolgung der Juden einverstanden

3 Wer wusste/ konnte  etwas von der Shoa wissen?
Wie viel wussten die Deutschen?

4 War die Mehrheit der Deutschen mit dem Massenmord
an den Juden einverstanden?

5 “Wer war wirklich schuldig für den Holocaust? Alle Deutsche?
Man sieht, dass die Deutschen ein schlechtes Gewissen haben.

6 „Wie konnte ein Volk soweit gehen,
dass eine solche Geschichte, so große Philosophen usw. hatte?

7 Wie viele haben sich dagegen gewehrt ? Wieviele haben Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet? Wieviele haben Verfolgten geholfen? Warum?

8 Deutschland vs. Italien: Antisemitismus in der Geschichte.
War der Antisemitismus in Deutschland verbreiteter und radikaler
als in anderen Ländern, z.B. in Italien?

9 Deutschland vs. Italien: Bereitschaft zur aggressiven sozialen Entwicklungen.

War die Zustimmung zur Diktatur, zum Krieg und zur Verfolgung von Minderheiten in Deutschland stärker als in anderen Ländern, z.B. in Italien? Gab oder gibt es eine besondere Anfälligkeit der Deutschen zu solchen gesellschaftlichen Entwicklungen?
Sind andere (z.B. die Italiener) weniger anfällig?

Fragen Konsens und dissens NS Antworte

Claudio Cassetti (e

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denkmal sinti und roma: umgang mit problemen des alltags

Frage

Schwierige Situation:
außerhalb des Denkmals der ermordeten Rom und Sinti laufen junge (vermutlich Roma-) Frauen um; mit der Vorwand Unterschriften für eine gemeinnützige Organisation zu sammeln versuchen sie Geld auf betrügerische Art und Weise für sich oder – noch schlimmer- für diejenigen zu bekommen, die sie auf die Straße schicken.

Noch schwierigere Situation:
woanders (soweit ich weiß nicht außerhalb des Denkmals) ist passiert, dass Menschen durch die angebliche Unterschriftensammlung abgelenkt und zeitgleich von anderen bestohlen wurden.

Was soll ein Guide tun, der gerade einer Besuchergruppe das Denkmal präsentiert?
Ist die Anwesenheit solche Unterschriften-Sammlerinnen nicht gerade eine Hilfe?

Eine mögliche Antwort

Die Tatsache, dass einige sogenannte „Zigeuner“ klauen oder kriminellen Aktivitäten nachgehen, kann bzw. soll (auch im Rahmen des Besuchs des Denkmals der als Zigeuner in NS-Zeit Verfolgten und Ermordeten) nicht verdrängt oder verleugnet werden. Das wäre sogar kontraproduktiv zu den Zwecken, wofür das Denkmal gebaut wurde.

Ebenso wenig sollte auch die Komplexität der angeblichen Gründe der Verfolgung der als Zigeuner auch in der NS-Zeit auf biologisch-rassistische Wahnvorstellungen reduziert werden. Es gab damals und es gibt auch heute kulturell-rassistische Meinungen und sicherheitspolitische Ängste, die das Verhalten von Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den als Zigeuner empfunden Menschen mit beeinflussten und beeinflussen.

In diesem Bewusstsein kann man auch entscheiden, sogar den „Tiger“ der Vorurteile von einigen Besuchern zu reiten und im bzw. am Denkmal selbst die Anwesenheit von vielleicht kriminell handelnden Menschen direkt ansprechen.

Dabei sollte man/frau aber zum Ausdruck bringen, dass gerade solche Ereignissen in der NS-Zeit ein Beweis dafür sind, dass wer von anderen als kulturell rassistische empfundene Meinungen vertritt, Ressentiments und Angst gegenüber „Zigeunern“ spürt, persönliche Erfahrungen gemacht hat, die diese Vorurteile bestätigen, sich selbst hinterfragen muss und verstehen muss, welche Gefahren in diesen Einsichten stecken.

Wer aber solche persönliche Meinungen, Ressentiments und Vorurteile als verwerflich und niederwertig betrachtet, soll dabei nicht vergessen, dass dies auch „nur“ eine andere Meinung ist, mit der die Auseinandersetzung durch Respekt und ohne Belehrung laufen muss, um so mehr wenn der Zu-Belehrende der Auftraggeber der Führung ist.

Die Ereignissen in der NS-Zeit beweisen meiner Meinung nach, zu welchen (für die Minderheiten) zerstörerischen und (für die Mehrheitsgesellschaft) selbstzerstörerischen Folgen kulturell rassistischen Meinungen und sicherheitspolitische Ängste führen können, wenn
a) die Prinzipien des Rechtstaates verlassen werden und gegen einen Mensch nur wegen seiner Zugehörigkeit einer Gruppe und ohne rechtsgültige Beweise für seine individuelle Verantwortung an illegalen und kriminellen Aktivitäten vorgegangen wird
b) die Mehrheit seine (Über)Macht und seine Verantwortung gegenüber den Minderheiten vergisst. Die Mehrheit hat den /sitzt am längeren Hebel bzw. hält das Messer an der Seite des Griffes. Die Mehrheit hat mehr Mittel als die Minderheit, um die Radikalisierung der Beziehungen zwischen Mehrheit und Minderheit zu verhindern
c) dem Individuum die Chance und die Verantwortung verwehrt bzw. abgenommen wird, jedesmal von neuem zu allererst privat (ohne Eingriff des Staates) ein Modus der Koesistenz mit einem anderen Individuum aufzubauen: ein Miteinander, ein Nebeneinander oder ein „Jeder woanders“ leben.

Dies ist meine Meinung

Claudio Cassetti

 

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